Cyberpsychologie: Verändert das Internet unsere Psyche?

In der Aktuellen Print-Ausgabe von Welt der Wunder bin ich auf einen spannenden Artikel zum Thema Cyberpsychologie gestossen (leider ist dieser nicht online abrufbar). Die Psychologin Dr. Monica Whitty steht darin Antwort und Rede und gibt darüber Aufschluss, was YouTube, eBay und Chat-Foren mit unserem Hirn anstellen. 
Hier ein Auszug der Praxis-Beispiele:

YouTube – Ruhm um jeden Preis

Um ein spektakuläres Video auf YouTube zu veröffentlichen, verprügelten 8 US-Teenager eine Freundin, filmten die Tat und stellten das Viedo dann ins Internet. Den Tätern droht nun lebenslängliche Haft. Whitty: „Oft erhalten besonders kuriose Videos die meisten Klicks. Aus Sicht der Täter hat ihre Handlung nichts mit der Wirklichkeit zu tun.“

Cyberstalking – Belästigung im virtuellen Raum

Der 43-jährige William Lepeska wurde verhaftet, nachdem er durch Stakling den Wohnsitz von Anna Kurnikova ausfindig machte und dort einzudringen versuchte. Er sitzt inzwischen in der psychiatrischen Abteilung eines Gefängnisses. Whitty: „Die Palette reicht vom verschmähten Liebhaber über die Ehefrau, die im Scheidungskrieg die Konto-Angaben ihres Ex ins Netzt stellt, bis hin zum Schüler der seinen Lehrer im Netzt erniedrigt.“

eBay – Der Mensch als Online Ware
Ein junges Paar bot vor kurzem ihr 7 Monate altes Baby auf eBay zum Verkauf an, Begründung: Es sei zu laut. Mit nur einem Klick entwickelte sich der „Scherz“ zum juristischen Tatbestand. Das Jugendamt wurde alarmiert. Whitty: „Das Netzt ist kein straffreier Raum, viele sind sich dessen noch immer nicht bewusst.“

Online-Suizid – Selbstmord vor virtuellem Publikum
Kevin Whitrick besuchte regelmässig den Chatroom, plötzlich erklärte er vor laufender Webcam, dass er sich nun erhängen würde. Seine Chat-Partner glaubten an einen Scherz, feuerten ihn weiter an. Dann sprang er. Whitty: „Ein Chatroom oder Forum vermag enorme Eigendynamik zu entwickeln, die Teilnehmer schaukeln sich gegenseitig hoch, Grenzen verschieben sich immer weiter.“

Innerhalb kurzer Zeit hat sich das Internet zum Massenphänomen entwickelt, das aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken ist. Gemäss Untersuchungen soll nun jeder Aufenthalt im Netz in unserem Hirn Spuren hinterlassen und dementsprechend auch Einfluss auf unser Handeln nehmen. Solange das Internet als reines Informations-Medium genutzt wird, ist die Distanz relativ gross. Gefahr droht, wenn wir soviel Zeit im Internet verbringen, dass wir schon fast einen Teil unseres Lebens dorthin verlagern. Wird die Identität einer Persönlichkeit virtuell und somit formbar, kann dies zu psychischer Instabilität führen. Hinzu kommt der Aspekt der Anonymität, welcher Hemmschwellen senkt und Berührungsängste mildert.

Fest steht, Phänomene wie Online-Suchtkrankheiten, Cyberstalking oder Cybermobbing bilden die Schattenseite unserer heiss geliebten Alltags-Technologie. Aber Rachegelüste, üble Nachrede oder böse Scherze sind keine Erfindung des Internets. Bildet das World Wide Web also die ideale Plattform um Machtfantasien auszuleben? Und verändert das Internet tatsächlich unsere Psyche?

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12 Kommentare

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  1. Alessandra | 28.07.2008 12:07

    Eine spannende Diskussionsrunde! Viele wichtige Aspekte wurden angeschnitten und dies aus sehr interessanten Standpunkten heraus. Menschliches Sozialverhalten lässt sich in den verschiedensten Umgebungen studieren. Das Internet als Informations- und Kommunikations-Plattform stellt eine solche Umgebung dar. Fest steht, dass die vielfältigen Innovationen elektronischer Medien immer tiefer in die Alltagskommunikation eingreifen und die zeitliche und räumliche Präsenz, wie auch Wahrnehmung und Gefühlswelt verändern können. Dass man die positiven wie auch die negativen Aspekte des Internets aus psychologischer Sicht erforscht und Nutzen, Wirkung sowie Beweggründe zu durchleuchten versucht, schein mit sehr wichtig.
    Deshalb freue ich mich, dass bereits in diesem Jahr an der Trent University in Nottingham (GB) der Studiengang „Cyberpsychologie“ anläuft. Unterrichtet werden unter anderem Fächer wie: Online-Beziehungen, Netzsicherheit, die pathologische und kriminelle Verwendung des Internets, Online-Gaming, Internetsucht, die Psychologie der virtuellen Realität und der künstlichen Identität etc. Für mich persönlich eine sehr interessante Studienrichtung (die hoffentlich schon bald auch in der Schweiz angeboten wird…)!

  2. Rick | 25.07.2008 08:16

    Medien lassen sich immer nutzen, um die Gesellschaft zu manipulieren. Ich sage mal ein wenig provokativ, das ist Sinn und Zweck von Medien. Es liegt an der Gesellschaft, diese „Manipulationsversuche“ richtig zu kanalisieren. Dass dies nicht allen Menschen gleich gut gelingt, sollte ja nicht verwunderlich sein. Was für TV, Kino (schon mal eine Wochenschau in einem sozialistischen Land gesehen?), Radio und Zeitungen gilt, gilt auch für das Internet.

  3. fiL | 24.07.2008 22:48

    @urs, gehe mit dir weitgehend einig, nur lässt sich der Film „Wir Kinder vom Bahnhofzoo“, was eine professionelle Dokumentation ist, mit dem Jungen aus dem Gamervideo nicht wirklich vergleichen.
    Die Filmemacher haben einen viel grösseren Einfluss auf die Gesellschaft als wir denken. Sie wissen’s hingegen und das macht die Sache unangenehm, in dem Fall sogar gefährlich.
    Dasselbe gilt übrigens für’s Fernsehen, was immer mehr eine manipulative Form annimmt.

  4. Rick | 24.07.2008 13:55

    @urs
    Dein letzter Satz trifft es genau auf den Punkt. Wenn man die Kernprobleme aus der Welt schaffen will, nützt es nichts, wenn man die Träger des Problems abschafft, man verlagert es einfach auf einen anderen Träger wo es sich dann manifestiert.

  5. urs | 24.07.2008 13:29

    @Rick wie so oft, ist das verteufeln der Materie (das zum Guten, wie auch zu Schlechten eingesetzt werden kann) ein „einfacher“, in der Praxis jedoch nicht wirklich ein wirksamer Weg. Bei einer Aussage wie: „Ballerspiele können zu einer höheren Gewaltbereitschaft im realen Leben führen“ fühlen sich die Falschen angesprochen und diese verteidigen die wirklich Betroffenen.
    @fil Habe mit einem Freund über einen alten Film, der an Schulen explizit gezeigt wurde um vor Heroin zu warnen gesprochen. Mich hat dieser Film „Wir Kinder vom Bahnhofzoo“ extrem abgestossen und ich denke noch heute mit Angst an die möglichen Konsequenzen. Mein Freund, ein Ex-Junkie haben die gleichen Bilder zum Nachahmen animiert. Ich sage jetzt nicht, der Film sei schlecht (bei mir hat er ja das „Richtige“ ausgelöst) aber es gibt bei Abschreckung auch die andere Seite und die fasziniert, ködert, animiert und manipuliert. Da genügt die reine Abschreckung nicht, da braucht es letztendlich gesunde Alternativen und die kosten uns etwas.
    Fazit, die Kernprobleme des Menschen sind wohl die selben wie seit jeher geblieben, nur die Ebenen und Mittel haben sich stark verändert.

  6. Flurion | 24.07.2008 13:22

    Ich kenne persönlich jemanden, der in eine negative Internet-Spirale geraten ist. Das führte soweit, dass er den Job verloren hat, er nur noch zu Hause herumgesessen ist und schlussendlich von den Eltern aus dem Haus geworfen wurde. Nun sitz er bei der Freundin und führt sein „virtuelles Leben“ weiter. Diese Person hat den Bezug zur Realität völlig verloren. Er sitzt praktisch pausenlos vor seinem PC und ist im Internet. Das ist seine Welt. Fraglich, ob er da je wieder herausfinden wird. Bei ihm hat das Internet die Psyche definitiv verändert.

  7. Elisabetta | 23.07.2008 19:08

    @Rick, da hast du natürlich recht. All die erwähnten Probleme gab es vor der Internet-Erfindung schon. Nur durchs Internet verschafft sich ein Pädophiler auf einfache Art und Weise Zugang zur Befriedigung. Was wiederum bewirken könnte dass vielleicht weniger Kinder den Pädophilen direkt zum Opfer fallen. Was aber wiederum bewirken könnte das eben vielleicht trotzdem mehr Kinder den Pädophilen zum Opfer fallen weil die Nacktfotos (oder Filme) etc. zuerst erstellt werden müssen. Schlussendlich existiert bei Vielem ein böser Kreislauf. Ob Energie-Gewinnung oder Automobile (mit den geschilderten Verkehrstoten). Oder besser gesagt alles was direkte Vorteile mit sich bringt, bringt eben soviele Nachteile. Ein Problem ist erst ein Problem wenn man es sieht/erkennt und sich damit beschäftigt. Ich denke ein wesentlicher Punkt beim Internet ist dass die soziale Ebene zwischen Menschen leiden wird oder bereits leiden tut. Natürlich gibt es Social-Networks etc. aber schlussendlich sitzt man auch da vor dem PC (meistens wahrscheinlich alleine) und verpasst den Bezug zur realen Welt. – Zur einfachen Welt, „eis go zieh“ mit Bekannten oder einfach mal wieder spontan sein ohne vorher Alles abklären zu wollen. – Jetzt könnte man hier erwähnen dass durch den enormen Leistungsdruck, welcher heute herrscht und der daraus resultierenden Freizeitseinschränkung, die Möglichkeit besteht, durchs Internet rasch und günstig, sich mit Familie, Freunde etc. trotzdem auszutauschen. Aber ist es wirklich das was wir wollen, was und glücklich macht?! Denn Dank dem Internet haben wir die Möglichkeit (fast) überall auf der Welt erreichbar zu sein…

  8. Rick | 23.07.2008 16:01

    @Elisabetta
    Es ist wie mit allem. Der Mensch muss und wird sich den Umgang mit dem Internet antrainieren. Ausserdem hat jede Technologie seine dunklen Seiten. Ohne Autos wären wir weniger mobil, dafür gäbe es weniger Verkehrsopfer. Die Kernspaltung lässt sich einerseits zur Stromerzeugung nutzen, anderseits können damit Milionen von Menschenleben ausgelöscht werden.
    Viele Probleme, von denen wir den Eindruck haben, dass sie das Internet hervorbringt, gab es auch im Prä-Internetzeitalter schon. Die ganzen Pädophilen zum Beispiel. Ich denke nicht das dies eine Erscheinung ist, die es erst seit dem Internet gibt. Sie manifestiert sich durch das Internet erst in der Gesellschaft. Dies hat wiederum den Vorteil, das vieles an die Öffentlichkeit gelangt, was vorher noch im Finsteren lag.
    Aber eben, wenn man ein Problem nicht sieht ist es kein Problem? Oder liege ich da falsch.

  9. Elisabetta | 23.07.2008 09:59

    @fiL, stimmt wohl. Man kann sich solche Beispiele auf youtube oder sonst wo als Abschreckung oder vielleicht sogar Aufklärung anschauen. ABER, es gibt genau soviele (oder mehrere) Filme auf solchen Plattformen die alles andere als aufklärend sind. Und jedem sind sie zugänglich, ich meine vorallem die brutalen Filme, welche beispielsweis Unfälle jeglicher Art zeigen! – Letzthin habe ich in einer Studie gelesen, dass jeder 3. Junge (hauptsächlich Jungs zwischen 12 und 16) sich tagtäglich Pornos online anschaut. Was zur Folge hat, dass das Sexualverhalten dieser Altersklasse bereits sehr verstört ist.

    @Rick, das ist genau das Problem des Internets. Auf einmal ist man anonym in einer Welt die einem viele Interessante Sachen/Möglichkeiten bietet. Ob das Cyberstalking oder das Schlechtmachen einer Person (wie im Armeefall) ist, die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Der menschliche Verstand hingegen schon und darum behaupte ich dass die Mehrheit der Gesellschaft nicht damit umgehen kann. Wir sind doch die Prototypen im Bezug auf das Internet, es wird sich zeigen wie sich unsere Generation entwickeln wird und ob wir dasselbe Alter wie unsere Grosseltern erreichen werden. Denn die Devise lautet immernoch, hauptsach glücklich und gesund leben 😀

  10. Rick | 23.07.2008 08:18

    Wie alle anderen Medien hat und wird das Internet viele Neuerungen in der Gesellschaft hervorrufen. Als Gutenberg das Drucken erfand, hatte dies nicht nur positive Auswirkungen auf die Gesellschaft. Anderes Beispiel? Das Fernsehen – Schon in meiner Schulzeit warnten die Lehrer und Eltern vor übermässigem Fernsehkonsum. Klar kann dies eine nachteilige Wirkung auf die Psyche haben. Wieviele Couchpotatos gibts auf der Welt? Wieviele Leute glauben, nur weil sie sich keine eigene Meinung mehr bilden können, alles was ihnen am TV vorgesetzt wird?
    Wenn irgendwo auf der Welt ein Amoklauf geschieht, sind die Stimmen schnell zur Stelle, die rufen: „Böses Computerspiel, böses Internet“. Wenn aber ein Spieler von zig Millionen Spielern einmal ausrastet, kann schwerlich behauptet werden, dass das Spiel daran schuld ist.
    Das Internet ist ein Spiegel unserer Gesellschaft und es kommt immer darauf an, wie die Gesellschaft damit umgeht. Dass dies nicht mal äusserst integre Personen in unserer Armeeführung können, zeigt, dass dies offenbar nicht so einfach ist.

  11. fiL | 22.07.2008 21:15

    Der Gedanke kann einem Angst machen. Aber schlussendlich wird das Internet seinen Lauf nehmen und sich in die Richtung weiter entwickeln.
    Es wird immer mehr Menschen geben, die ihre Zeit vor dem Computer im Internet verbringen, Tag und Nacht. Es gibt auch immer wieder Stories von Menschen die vor dem PC sterben, ein Beispiel hierfür ist Robert Anton Wilson, der sich in seinem letzten Post von der Welt verabschiedet, eine absurte Geschichte.

    @Elisabetta, das Video ist schockierend aber solange sich der Junge nur an seiner Tastatur und nicht etwas seinen Klassenkameraden austobt, gefährtet er wenigstens niemanden.
    Als alter PS-Gamer weiss ich, dass zu langes Gamen auf die Psyche schlägt und dass das ein junger Mann nicht unbedingt kontrollieren kann ist nachvollziehbar.
    Trotzdem, der Vorteil von YouTube ist in den Zusammenhang, dass man sich das Video als abschrecken Beispiel anschauen kann, was vor ein paar Jahren noch nicht möglich war.

  12. Elisabetta | 22.07.2008 19:01

    Eine ganz spannende Geschichte, die Psychenbildung in Abhängigkeit des Internets. Habe mir oftmals diese Frage gestellt ob ein exzessiver Internetgebrauch unser Wesen verändert. Tatsache ist, dass alles was masslos konsumiert wird schlussendlich schadet. Was halt beim Internet bzw. bei all den Online-Plattformen dazukommt ist, dass wahrscheinlich viele User anfangen sich über diese verschiedenen Plattformen zu identifizierren. Nehmen wir mal an Hans sei eher ein schüchterner Typ der sich schwertut Bekanntschaften (ob Frau oder Mann ist egal) zu schliessen. Da im beispielsweise in einem Chat-Room die Anonymität gewährleistet ist und man dem Chat-Partner nicht ins Gesicht schauen muss usw. entwickelt er plötzlich eine neue Dynamik sich in der virtuellen Welt anders zu geben als er in Wirklichkeit ist. Ich will diese Tatsache nicht schlecht machen sondern nur darauf hinweisen dass Hans wahrscheinlich seine gewonnen Qualitäten im Internet nicht in die reale Welt mitnehmen kann. Vorallem macht das Internet mit der Zeit einsam, wenn man als Teil seines Lebens adoptiert. Da fällt mir ein ganz berühmtes Beispiel ein welches ich auf youtube sah. Dabei geht zwar ums Thema „Spielsucht“ aber wahrscheinlich würden sich viele Personen ähnlich fühlen wenn das geliebte Internet auf unbestimmte Zeit ausfallen würde 🙂 http://www.youtube.com/watch?v=kBVmfIUR1DA&feature=related (8-ung beängstigend)

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