Weblish oder lieber Techno-Babble? (Teil 1/2)

Yves Moret, 26.02.2010 5 Kommentare

SpracheViele Studien belegen: die Kommunikation via E-Mail, SMS oder über soziale Netzwerke ist beliebter als das persönliche Gespräch – vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Doch wie beeinflusst das Internet die Sprache, deren Wandel und Gebrauch tatsächlich? Ein Erklärungsversuch.

«Das Internet lässt die Sprache verkümmern». Diese These würden wohl viele Linguisten ohne zu zögern unterschreiben. Ihre Argumente: per SMS wird bestenfalls noch in Satzfragmenten kommuniziert. In Chats trifft der Leser mehr auf so genannte «Inflektive» – *knuddel*, *dich liebhab* – als auf vollständige Satzkonstruktionen. Ganz zu schweigen von den Emoticons.

Es gibt jedoch auch Sprachwissenschaftler, die die sprachlichen Entwicklungen unter dem Einfluss des Internets mit weniger Argwohn betrachten. Denn eines ist klar: Sprachwandel gehört zum Wesen einer lebendigen Sprache.

Internet: Konventionelle Regeln ohne Bedeutung

In unserem Alltag sind Gespräche auf eine bestimmte Art und Weise organisiert. Es existieren Regeln, die die meisten Menschen mehr oder weniger intuitiv beherrschen: Wer eröffnet ein Gespräch, wie verläuft dieses, wer hat das Rederecht, wann erfolgt ein Sprecherwechsel.

Auch geschriebene Texte folgen – meistens jedenfalls – klaren Regeln. Sie bestehen aus ganzen Sätzen. Sind in sich geschlossen. Wohlgeordnet. Linear. Meist mit einem Anfang, einem Hauptteil und einem Schluss.

Und nun das Internet: Alle aus der Sprachwendung bekannten Regeln verlieren hier ihre Geltung. Und zwar uneingeschränkt. Die Frage ist nun: entsteht hier gar eine eigene Sprachform? Und wie soll diese heissen? Wie so oft im Netz zu lesen: Weblish, Netspeak oder Techno-Babble?

Neue Sprachelemente

Natürlich ist das Internet auch voll von höchst konventionellen und klassischen Textformen. Aber eben nicht in sozialen Netzwerken, Chats oder Newsgroups. Hier kommen absolut neue Sprach-Elemente hinzu. Dominiert wird diese Art der Kommunikation vor allem von der so genannten konzeptionellen Mündlichkeit. Der Schreiber mimt die gesprochene Sprache. «Hoi du, lass’ uns ins Kino gehn’». Hier wird «hallo» durch «hoi», «in das» durch «ins» oder «gehen» durch «gehn‘» ersetzt. Und genau hier findet der Sprachwandel statt.

Oft dominieren die neuen Elemente die hergebrachten sprachlichen Regeln. Oder sie ersetzen, durchdringen oder entwerten sie gar. Auch Abkürzungen wie «lol» (laughing out loud) oder «btw» (by the way) gehören zum täglich Sprachgebrauch der User. Insgesamt geht es bei der konzeptionellen Mündlichkeit oder beim Gebrauch der bereits erwähnten Inflektive darum, Nähe zwischen den beiden «Gesprächspartner» zu schaffen. Und die fehlt im Netz bekanntlich ganz und gar.

Sprache als Zeichensystem

Doch der Sprachwandel wird natürlich nicht nur durch die Sprache und deren Gebrauch in sozialen Netzwerken statt. Denn die Sprache und deren Nutzung wird ebenso durch die Hypertextualität sowie durch eine gut durchorganisierte Mischung und Anordnung von Sätzen, Bildern, Logos und weiteren grafischen Elementen des Internets geprägt. Daher ist es wohl dringend nötig, die Sprache künftig nicht mehr nur als Schrift, sondern eben als komplexes Zeichensystem zu verstehen. Doch davon mehr im nächsten Blogpost von kommendem Freitag, 4. März 2010.

Und was denkt ihr? Führt das Internet und seine Sprache zum Verderbnis derselben? Oder ist es viel eher eine Bereicherung für die Sprache und ihre Entwicklung?

Weiterempfehlen

image description

Kommentieren

5 Kommentare

image description
  1. webSimon | 3.03.2010 11:22

    Wie gesagt, mir gefallen einfach manche der alten Ausdrücke, deshalb finde ich es schade. Dative gibt ´s genug, da muss man damit nicht auch noch Besitz deklarieren :/

  2. Linguist | 28.02.2010 13:29

    „«Das Internet lässt die Sprache verkümmern». Diese These würden wohl viele Linguisten ohne zu zögern unterschreiben.“

    Bitte vorher informieren, bevor man solche abstrusen Theorien aufstellt: Linguisten würden so eine These mit Sicherheit nicht unterschreiben, und schon gar nicht „ohne zu zögern“.

    @webSimon: Die „Unfähigkeit“, solche Konstruktionen zu bilden, kommt daher, dass solche Konstruktionen im Deutschen eben kaum noch gebraucht werden – außerhalb von gedruckten Grammatiken begegnet man (Präsens-)Konjunktiven eben immer weniger. Jeder Sprachwandel beginnt als Fehler. Kommende Generationen haben deshalb „wenig Chancen, die Fehler zu erkennen“, weil es dann vermutlich keine Fehler mehr sein werden. Und klar kannst du den Verlust des Genitivs (den ich nicht wirklich sehe) bedauern, aber „das Haus von Simon“ erfüllt die Funktion, die „Simons Haus“ erfüllt, genauso gut. Die Hauptsache ist doch, das Besitzverhältnis zu formulieren, und da nehmen sich die beiden verschiedenen Konstruktionen nichts.

  3. webSimon | 27.02.2010 11:37

    Ahja, ganz vergessen: 1000-mal schlimmer als irgendwelche „lols“ und „xD“ ist die Unfähigkeit Genitive, Konjunktive und Komparative zu bilden. Das hat mMn nichts mit dem Internet zu tun, aber breitet sich unaufhaltsam aus.

    Ich mache momentan Abitur. Wenn man sogar von seinen Lehrern Sachen wie „größer wie“ oder „das Haus vom Simon“ hört, haben kommende Generationen wohl wenig Chancen die Fehler zu erkennen.

    Klar gibt es Sprachwandel, aber manche Ausdrücke sind einfach schön und sollten nicht aussterben 🙁

  4. webSimon | 27.02.2010 11:30

    Ich mag die Inet-Sprache, und verwende Emoticons, Anglizismen und Abkürzungen wie „lol“ zuhauf.

    Was ich gar nicht ausstehen kann, ist wenn jemand Grammatik und Rechtschreibung nicht beherrscht, oder nicht mehr in der Lage ist, seine Sprache dem jeweiligen Medium anzupassen.

Kommentar schreiben

Please copy the string oIGuqG to the field below: