Datenschutz-Hick-Hack um Street View

Google Stree ViewSeit genau einer Woche ist Google Street View in der Schweiz nun online. Genau so lange dauert nun auch bereits das Hin und Her zwischen dem Schweizer Datenschutzbeauftragten und dem Internetkonzern Google. Während der Datenschützer schon mal lauthals die Einstellung des Dienstes fordert, versteckt sich Google hinter PR-Phrasen.

Eigentlich können wir Schweizer uns für einmal freuen: Google hat die Schweiz als neuntes Land der Welt (und noch vor Deutschland oder Österreich) letzte Woche für Street View freigeschalten. Und seither surft die halbe Schweizer Bevölkerung die Strassenfotos ab, und hofft, auf etwas spannendes zu stossen. Dass es dabei einiges an Kuriosem zu sehen gibt, konnte man in den letzten Tagen auf Blogs und Newsseiten zur Genüge nachlesen.

Street View sofort abschalten
Mitgesurft hatte aber auch der oberste Schweizer Datenschützer, der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDOEB), Hanspeter Thür. Und der war alles andere als begeistert. Am Freitagabend forderte er sogar, die Schweizer Street-View-Variante sei „unverzüglich“ vom Netz zu nehmen. Der Grund:

Zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung ebenso wie eigene Nachforschungen haben gezeigt, dass Google Street View die Auflagen des EDOEB zum Schutz der Privatsphäre nicht erfüllt – zahlreiche Gesichter und Autonummern waren gar nicht oder nur unzureichend verwischt.

Und die Nachricht über die geforderte Sperrung verfehlte ihre Wirkung nicht – zumindest in den Medien. Über das Wochenende war die Forderung von Thür eines der Hauptthemen. Google selbst hingegen übte sich – wie üblich – in Nichtkommunikation. Zwar versandte Googles Schweizer PR-Agentur eine fast eineinhalb Seiten lange Mitteilung, die ausser PR-Geschwurbel jedoch nur wenig inhaltliches zu bieten hatte.

Lobhudelei
Da lobte man, wie gut Street View in der Schweiz aufgenommen wurde, dass sich Menschen mit Street View „eine Auszeit vom Berufsalltag“ gönnen würden, um damit „ihre Nachbarschaft zu erkunden, ihren Arbeitsort besser kennenzulernen oder Erinnerungstouren zu unternehmen.“ Sogar Schweiz Tourismus durfte Google die Stange halten und erklärte, dass der Dienst „ungeheuer wertvoll für unser Land sei – „für Schweiz Tourismus und die Wirtschaft“. Street View sei „ein grossartiges Mittel“ das zur Geltung bringe, was der Schweizer Tourismus alles anzubieten habe. Nur ganz am Schluss der Mitteilung noch ein Statement von Peter Fleisher, Googles Global Privacy Counsel, der sich auf das Gespräch mit dem Datenschützer freue, „um uns seine Bedenken anzuhören und diese zu zerstreuen, indem wir erneut demonstrieren, wie wir die Privatsphäre in Street View schützen“.

Man könnte also annehmen, dass Google wenigstens nach dem gestrigen Gespräch mit Hanspeter Thür etwas kommunikationsfreudiger ist. Erst recht, seit die Medien auch über Beschwerden von Unternehmen oder Gefängnissen berichten, die ihre Bauten nicht in Street View sehen wollen. Allerdings: Mit dem dürren Statement von gestern Nachmittag dürfte sich Google erneut wenig Freunde gemacht haben:

Es gab einen guten Gedankenaustausch mit dem Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten Hanspeter Thür. Wir freuen uns auf weitere Gespräche, um unsere branchenweit führenden Anwendungen zum Schutz der Privatsphäre demonstrieren zu können. Seit dem Launch in der letzten Woche haben wir einen Anstieg des Nutzungsvolumens von 80% erlebt, was  die Popularität dieser Funktion bei der Schweizer Bevölkerung zeigt.

Warum so zurückhaltend, Google?
Eigentlich schade, dass Google da nicht tiefer in die PR-Kiste greift, denn ich halte Street View für einen gelungenen Dienst. Zugegeben, mit der Umsetzung der Anonymisierung hapert es noch etwas, aber wer die Anzahl von Gesichtern und Nummernschilder in Relation zu den nichtanonymisierten Bildern setzt, muss zugeben, dass deren Anteil doch ziemlich klein ist.

Was haltet ihr vom Hick-Hack rund um Street View? Soll der Dienst abgeschaltet werden, bis alle Datenschutzbedenken aus dem Weg geräumt sind? Oder übertreibt es der Eidgenössische Datenschützer Hanspeter Thür mit seinen Forderungen? Was bedeuten die Forderungen Thürs für Bilder in Zeitungen und Fernsehen? Eure Meinung ist gefragt…

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16 Kommentare

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  1. Oli | 28.08.2009 11:42

    Vor einigen Jahren ging ein Arbeitskollege von mir (war verheiratet, Familienvater) am Freitagnachmittag etwas früher aus dem Geschäft, um, wie er sagte, noch einen Kunden zu besuchen.

    Am Montag brachte ein anderer Arbeitskollege den SonntagsBlick mit ins Geschäft, auf dessen Titelseite klar und deutlich das Gesicht ebenjenes ersten Arbeitskollegen zeigte, wie er gerade (wie viele andere deutlich erkennbare Personen auch) die sich entblätternde Tänzerin an der Erotik-Messe in Zürich-Oerlikon anstarrt. Das Gelächter im Büro war gewaltig…

    Nun frage ich mich: Wenn „die stärkste Zeitung der Schweiz“ so problemlos Bilder von X-beliebigen Menschen auf der Titelseite verbreiten darf, die gerade etwas nur begrenzt Öffentlichkeits-taugliches tun – weshalb darf sie dies, und andere (z.B. Google) dürfen es nicht? Wo war damals das Geheul der Datenschützer?

  2. honigbaerli | 25.08.2009 20:05

    ich kann die negativen stimmen nicht nachvollziehen, denn es sind ja keine livebilder und man hat die möglichkeit bei google vorstellig zu werden und sie zu verpixeln zu lassen!
    wer nicht öffentlich sichtbar werden will bleibe zu hause verschliesse die türe und ziehe den stecker zum telefon zum fernseher und vom internet..dann ist er sicher das keine aufnahmen öffentlich werden..denn auch an öffentlichen plätzen wie bahnhöfe usw wird live per kamera aufgezeichnet!

  3. Ischkur | 25.08.2009 15:25

    @Andi: Wir werden sowiso bereits an sehr vielen öffentlichen und nicht öffentlichen Orten überwacht. Wie bereits gesagt wurde, ist Street View eine Momentaufnahme. Ich finde es lächerlich, wenn 20Minuten ein Bild veröffentlicht, auf dem man einen Jungen und einen Sex-Shop sieht und dazu schreibt, dass es so aussehe, als ob der Junge aus dem Shop komme. Man kann sich in der Öffentlichkeit nunmal nicht verstecken. Ausserdem werden gerade in einer Stadt wie Zürich jeden Tag tausende von Fotos geschossen, die irgendwo im Internet landen. So what? Ich habe keine Angst.

  4. Yves | 25.08.2009 10:52

    @andi: Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass die Behörden ganz sicher auch Daten sammelten, bevor jemand bei uns wusste, was das Internet ist. Und du kannst mir glauben, da sind Sachen drin, die kann man auf Street View nicht finden. Ich denke das wird 20 Jahre nach dem Fichenskandal nicht besser sein, zumal die Möglichkeiten für den Staat ja um einiges besser wurden. Auch ich hatte nie was zu verstecken, der Beigeschmack bleibt aber. Auf Google kann ich wenigstens überprüfen, was von mir gespeichert ist und auch die Löschung beantragen.

  5. krassnost | 25.08.2009 10:37

    finde die Tragweite kann niemand so richtig einschätzen angst macht es auf jedenfall….guckst du auf http://www.criminalsearches.com oder auch spock.com oder eventuell noch schärfer http://www.myfaceid.com uvm….gruss aus dem osten

  6. Andi | 25.08.2009 10:21

    @BloggingTom
    Beides! Das ich und andere Leute im Internet erkennbar sind, ohne das wir das eigentlich wollen. Alle Daten werden von Google ausgewertet und in ein paar Jahren (bin ich mir zu 100% sicher) auch für die Behörden verfügbar sein. Und nein, ich habe eigentlich nichts zu verstecken, aber ich möchte nicht den ganzen Tag überwacht werden!

  7. Chris W. | 25.08.2009 10:19

    Ich schliesse mich Renato an.
    Man kann überall und jederzeit fotografiert werden und ohne zu wissen im Internet rumschwirren. Klar gibt es hier und da einige peinliche Momente, aber auch da kann ich mich nur Dirk anschliessen. Die, die sich aufregen haben war zu verbergen!
    Was wohl Hanspeter Thür zu verschweigen hat 🙂

    Und was soll das mit den Sicherheitsbedenken? Es ist ja kein Lifestream. Es sind einmalige Bilder, die vor Monaten aufgenommen wurden.

  8. krassnost | 25.08.2009 10:09

    Finde es eine super Sache, das beunruhigende ist wie immer bei Google, dass die Daten in die USA wandern und keiner mehr die Kontrolle, respektive die Übersicht hat. Da es jeder nutzt, auch die Kritiker, kann man so ein tolles Tool bestimmt nicht aufhalten. Ansonsten kann ja jeder eine Burka tragen, dann ist das Problem gelöst !

  9. Dirk Worring | 25.08.2009 09:58

    Aufregung bedeutet das ganze doch nur, wenn jemand was zu verbergen hat. Ob man mich in einer Momentaufnahme in Zürich an der Strassenecke sieht ist mir doch Schnuppe. Es sei denn ich werde polizeilich gesucht. Dann wüsste doe Polizei wo ich zu diesem Zeitpunkt war, aber wo ich mich gerade jetzt aufhalte wissen sie dann immer noch nicht. (falls es jemand wissen will, ich sitze gerade im EG des INM Büros, erste Tür rechts, erster Schreibtisch). Ui ui… jetzt ist es raus!

  10. Tom Bruehwiler | 25.08.2009 09:48

    @Renato: Für Ski-Masken habe ich ein Monopol!

    @Andi: Was stört Dich denn genau an Street View? Dass andere Leute (oder sogar Du) erkennbar sind? Oder das jeder Deinen Wohnort ansehen kann?

  11. Andi | 25.08.2009 09:43

    Ein feiner Dienst? Ein richtiger Mist, der die Welt nicht braucht! Ich unterstütze diesen Datenschützer in jeder Hinsicht!

  12. monoblog | 25.08.2009 09:09

    peinlich, was wir Schweizer da wieder für ein Tam-Tam machen, wegen ein paar Autonummern. Sollen doch die Besitzer schauen, dass keine Auskunft über ihre Autonummer gegeben wird… jedenfalls ist StreetView ein feiner Dienst!

  13. Renato | 25.08.2009 08:44

    Geht der Datenschützer eigentlich mit einer Ski-Maske vor die Türe? Es könnte ihn ja jemand auf der Strasse erkennen!!! Und dann die vielen Überwachungskameras, Web-Cams, Handy mit Foto-Funktion… Oh mein Gott!

  14. Yves | 25.08.2009 08:26

    Ich frage mich schon seit einer Woche, von was den die Google Street View Kritiker Angst haben? Bald habe ich das Gefühl, die Sache dient nur unserem Datenschützer um der Bevölkerung zu zeigen, dass es ihn gibt und das er was machen kann, wenn er will.
    Wo werden wir denn sonst noch so bespitzelt? Überwachungskameras im öffentlichen Raum, Fotos in Zeitungen, die nicht anonymisiert sind, Persönliche Daten, die angegeben werden müssen, wenn man in die Staaten fliegt, etc. etc.
    Den Fichenskandal gab es schon, als noch die wenigsten wussten, was das Internet ist. Auch ohne Street View wurde viel Privatsphäre erschnüffelt.

  15. locofabio | 25.08.2009 08:25

    Ich finde es immer wieder witzig, wie gegensätzlich die Leute sind. Das Problem liegt wahrscheindlich darin, dass die Leute immer noch nicht gemerkt haben wie viel von sich sie auf Facebook preisgeben. Meistens ist ein Bild ja nicht zu 100% eindeutig, daher sollte es ja sowieso nicht die grossen Probleme geben.

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