Klassische Medien / Neue Medien

maz-diplomfeierOld School Journalisten scheitern an ihrem Ego – nicht an neuen Inhaltsformen. Ihre Überforderung zu verstehen fällt mir wesentlich einfacher als verzweifelte Versuche, neue Medienformen zu diskreditieren.

Das Problem fängt schon beim „Printler“ an
Sobald sich ein angehender Journi als „Printler“ sieht, ist ein innerer Zug abgefahren. Der „Printler“ bindet sich an die Output-Form „Print“ und versteht dann nicht, weshalb seine Ausbildung Kurse wie „Multimedia“ beinhalten soll. Dabei wäre seine zu erlernende Kunst das Schreiben, nicht das Printen. Ein Schreibjournalist hätte im Gegensatz zum Printjourni kein Problem damit, für andere Formen von Medien zu kreieren als für Papier.

Form und Inhalt nicht verwechseln
An der Diplomfeier des MAZ Luzern (Foto) kritisierte Patrick Müller (Chefredaktor des Sonntag) zu Recht, dass Multimedia-Kurse am MAZ obligatorisch gemacht werden mussten, weil sie sonst nicht besucht würden. Seine spätere Aussage „Blogs sind nicht Journalismus“ erstaunte mich dann – hier verwechselte er Form und Inhalt.

Natürlich haben viele Blogs keinen journalistischen Anspruch. Dem gegenüber stehen aber äusserst schlecht recherchierte Artikel in klassischen Medien – oft in der Rubrik „Digital“ (oder fällt es mir dort nur eher auf?) – wie der heutige Artikel im Tagesanzeiger, der behauptet, soziale Netzwerke würden die menschliche Moral auslöschen, könnten Krebs verursachen und würden regelmässig Kinder ins All entführen.

Online ist nicht immer gehetzter
An der erwähnten Diplomfeier kam auch die Äusserung: „im flüchtigen Medium Internet wird offenbar flüchtig gearbeitet“. Dabei vergessen wurden die zahlreichen Fachblogs und Websites, die viel seltener Artikel veröffentlichen als eine Tageszeitung – dafür mit Hintergrundinformationen und begleitenden Quellenlinks und Medien, die eine Vertiefung des Themas unterstützen. Das Publikum fordert zu Recht mehr als Papier bieten kann.

Quintessenz: Wakey, wakey – rise and shine!
Printjournis, werdet Schreibjournalisten. Lotet die neuen Möglichkeiten des Internets mit Offenheit aus und lasst diese panischen Verwechslungen von Form und Inhalt bleiben. Ihr stoppt damit nichts. Die Medienwelt ist anders geworden, es stehen Katzenblogs neben Hintergrundblogs, Newsportalen und den bösen, sozialen Netzwerken. Ist jetzt halt so. Ein spannendes Gemisch, in dem sauber recherchierende Journalisten durchaus einen wichtigen Platz einnehmen könnten – wenn sie das nur endlich auch wollen würden.

Ich bin mit einer MAZ-Absolventin Fachrichtung TV verheiratet, die am MAZ (ausser in den oberflächlichen Multimedia-Kursen) viel Gutes lernte und die Ausbildung weiterempfiehlt. Diesen Artikel beziehe ich gezielt aufs Thema „Journis und die neuen Medien“. Wie erlebt ihr das? Habt ihr weitere Beispiele? Gut bewegt sich Blick am Abend in Twitter.

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5 Kommentare

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  1. Sam Steiner | 16.04.2009 15:13

    @Patrik: gute Anmerkung, danke.

    Natürlich soll ein Schreiber in erster Linie schreiben. Aber eben auch für Medien, die Zusatzinfos zum Text liefern können. Er hatte ja auch bisher für seine Artikel evtl auf Fotos zurückgegriffen, die ein anderer geschossen hatte. Jetzt wird sein Text nicht nur mit Fotos aufgewertet, sondern auch mit Video/Audio/Links/Kommentaren etc. Er muss deshalb nicht gleich Radiosprecher werden, aber eine gewisse Offenheit gegenüber anderen Medien als Fotos zeigen.

  2. Patrik | 16.04.2009 14:57

    Äh, darf ich kurz zu bedenken geben, dass die Aussage „Ein Schreibjournalist hätte im Gegensatz zum Printjourni kein Problem damit, für andere Formen von Medien zu kreieren als für Papier.“ insofern problematisch ist, als ich doch die eine oder andere Person kenne, die zwar vielleicht sehr gut schreiben kann (für welches gelesen Medium auch immer), aber der ich beim besten Willen keine 10 Sekunden z.B. am Radio zuhören mag? Das mag an der Stimme oder an der Sprechweise oder am Satzbau oder sonstwas liegen. Als These: Vielleicht liegen die eigentlichen medialen Grenzen zwischen gelesenen, gehörten und gesehenen (Stand- oder Bewegtbild) Medien, egal auf welchem Trägermaterial sie daherkommen? Bsp.: Wer geniale Fotos macht, kriegt keinen graden Satz ins Mikrofon. Wer perfekte Sätze drechselt, ist vom Videoschnitt überfordert. Wer am Recherchetelefon dem Gegenüber jedes Geheimnis entlockt, stottert vor der Kamera. etc. So irgendwie. Das wären dann meine 5 Rappen.

  3. Sam Steiner | 16.04.2009 11:07

    Einige gute Aussagen dazu von Thomas Knüwer, Reporter beim „Handelsblatt“.
    http://turi-2.blog.de/2009/04/16/interview2-thomas-knuewer-handelsblatt-5953225/

    „Seinen Kollegen predigt Knüwer weiterhin den Gang ins Web: „Jeder sollte es versuchen!“ Blogs seien „der Traum jedes Journalisten“, das Ende der Raumbeschränkung und die Chance auf echte Multimedialität.“

    Da werden seine multimediascheuen Kollegen wohl Magenbeschwerden und Albträume kriegen ab solchen Aussagen.

  4. Sam Steiner | 16.04.2009 10:05

    Genau. In Abwechslung kam von einem anderen Redner (älteren Jahrgangs) an derselben Diplomfeier die Aussage „ob online first oder print first: was soll das? journalism first!“ – einer der Wenigen, die genug offen sind, sowas zu begreifen.

    Leider (von wiederum anderen) auch die selbstmitleidige Klage „Wie kann es sein, dass eine Zeitung weniger kostet als ein Cola?!“. Und: „Papier kann nie durch E-Books ersetzt werden!“ (was vielleicht sogar stimmt, aber wieder ein Klammern an ein bestimmtes Medium ist)

  5. amikaro | 16.04.2009 09:45

    Und wieder ein Artikel zur „ewigen Diskussion“ …

    Der Hochmut der Journalisten und die zelebrierte Offenheit (, die schlussendlich aber oft in Engstirnigkeit endet) der Blogger, welche dieses Thema anreissen, scheinen nicht zu enden.

    Vergesst diese Diskussion. Guter Journalismus ist nicht an ein bestimmtes Medium gebunden. Jedes Medium hat ein Existenzrecht und bringt entsprechende Stärken und Schwächen mit sich. Entscheidend ist, wie und wann man ein Medium einsetzt.

    Das selbe gilt für die Literatur. Es spielt mir keine Rolle, ob ich einen attraktiven und spannenden Text in einem Buch, online oder auf einem Spickzettel lese.

    Ich denke, dass mangelnde Kenntnisse (der anderen Medien) und persönliche Dissonanzen diese Diskussion immer wieder antreibt. Dazu kommt, dass Journalisten (in welchem Medium auch immer) sich gerne als besonders bedeutungsvoll sehen, sich auch gerne selber feiern und genau solche Themen platzieren, die eigentlich gar keine Aufmerksamkeit verdienen.

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