Trend: Schluss mit der Anonymität im Internet

Bryan Graf, 12.07.2012 3 Kommentare

Facebook fragt die User über deren Freunden ausWer sich bei Facebook anmeldet muss dies gemäss AGB mit seinem richtigen Namen tun, viele halten sich jedoch nicht daran. So musste Facebook im Zuge des Börsenganges anfang März dieses Jahres einräumen, dass zufolge einer Schätzung ca. 5-6% aller User Profile falsch – sogenannte fake accounts – sind. Bei den aktuellen Nutzerzahlen sind dies immerhin +/- 50 Millionen gefälschte Benutzerprofile, weshalb nun mit einer doch etwas fragwürdigen Methode dagegen vorgegangen wird.

Jeder einzelne / echte User macht das Netzwerk wertvoller. Vom Usergedanken, nach dem Börsengang aber vorallem auch aus Marketingsicht, ist es also nachvollziehbar, dass Facebook gegen die Pseudonyme vorgehen will. Die Brisanz liegt allerdings in der Methode, wie man dies umzusetzen gedenkt. So gibt es demnach Berichte, dass bei Usern nach dem einloggen ein Pop-Up Fenster mit der Überschrift „Hilf uns dabei, Facebook zu verbessern“ erscheint. Darin steht dann: „Bitte hilf uns dabei zu verstehen, wie Nutzer Facebook verwenden. Deine Antwort bleibt anonym und hat keinen Einfluss auf das Konto deines Freundes. Ist dies der echte Name deines Freundes?“ Und dann ein Profilbild mit dem Namen einer Freundin / eines Freundes mit unterschiedlichen Auswahlmöglichkeiten der entsprechenden Antwort (siehe Bild). Auch wenn niemand gezwungen wird die Wahrheit zu sagen, sorgte dieses Vorgehen in der Blogosphäre für grossen Unmut. Im Pop-up wird lediglich auf die Namensrichlinien der AGB verwiesen. Facebook bestätigte die Meldung, wonach es sich allerdings nur um einen Test zu „statistischen Zwecken“ handeln sollte.

Randi Zuckerberg, die Schwester von Gründer Mark Zuckerberg und ehemalige Marketingchefin Facebook’s hatte sich schon im vergangenen Jahr für eine Abschaffung der Anonymität im Internet ausgesprochen. So deutete sie in einem Interview an, dass die Anonymität die Hemmschwelle der Nutzer herabsetze und die Abschaffung das Wohlverhalten fördere: „Dann benehmen sich die Leute einfach besser. Wenn sie anonym bleiben, denken sie, sie können alles sagen, was sie wollen.“ Einer ähnlichen Auffassung war offenbar auch Google als es zum Start von Google+ einen Zwang zum Klarnamen einführen wollte und dies mittlerweile gelockert haben.

Allerdings gibt es auch Gegenstimmen die sich für die Anonymität bzw. die Möglichkeiten eines Pseudonyms einsetzen. So sieht die soziale Medien forschende Wissenschaftlerin Danah Boyd in den Klarnamenregeln „eine autoritäre Ausübung von Macht über verletzliche Menschen“. So würden ihrer Meinung nach am häufigsten jene Menschen Pseudonyme verwenden, die von der Gesellschaft am meisten ausgegrenzt werden. Weiter schreibt Sie in Ihrem Blog: „Man garantiert keine Sicherheit in dem man Menschen davon abhält Pseudonyme zu benutzen. Aber man schränkt die Sicherheit ein, wenn man es tut.“

Der Test zu „statistischen Zwecken“ sei so nun auch wieder abgeschlossen. Allgemein wird der Ton der Netzwerke seit geraumer Zeit schärfer. Auch von Twitter war erst kürzlich zu vernehmen, dass sie die API -Richtlinien verschärfen möchten. Der Trend der Betreiber geht also klar in die Richtung, das Kapital (den User) genau zu verifizieren und an sich zu binden – doch was meinen die Benutzer dazu?

Habt ihr falsche Freunde in eurem Netzwerk? Oder verfügt ihr selbst gar über einen Fake Account? Benutzt ihr Pseudonyme oder steht ihr grundsätzlich mit eurem echten Namen hinter euren Kommentaren?

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3 Kommentare

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  1. Karin Gut | 30.07.2012 21:19

    Für mich ist der Zwang zum Auftreten mit der echten Identität der Hauptgrund, warum ich keinen Facebook-Account habe. Über Bilder und andere Daten ist oftmals klar und eindeutig feststellbar, um welche realexistierende Person es sich handelt. Alles was ich bei Facebook posten würde, könnte praktsich beliebig lang mir zugeordnet werden – von meinen Arbeitskollegen, Ex-Kollegen, Ex-Freunden etc.

    Wenn ich jedoch hier meine Meinung äussere, dann reicht der publizierte Name „Karin Gut“ nicht aus, um dies mit Bestimmtheit mir zuzuordnen, könnte auch eine andere Karin Gut sein, oder ein Fake.
    (PS: auch der Website-Link hilft nicht weiter, ich habe den Service zwar in Anspruch genommen, habe aber mit der Website nichts zu tun)

  2. Bryan Graf | 16.07.2012 10:40

    Ich hatte erst gerade am Wochenende eine kleine Diskussion über dieses Thema. Wir mussten da teilweise beide auch dem anderen Recht geben. Dies bzgl. der niedrigeren Hemmschwelle beim „Austeilen“ mittels Pseudonym, aber auch dem Fall, dass man auch mal (unter richtigen Namen) mal etwas Posten könnte und dann später dies vielleicht doch anders sieht. Oder mit einer Aussage einem (es wird ja dann schnell mal emotional) doch zu sehr an den Karren fährt und – da das Internet ja bekanntlich nichts vergisst – dieser dann plötzlich mal vor der Türschwelle steht. Mittlerweile ist es ja ziemlich einfach, Recherche über eine Person zu betreiben – je nach dem wie aktiv diese/r ist resp. im Netz Infos von sich gibt…

    Back to the Roots hat schon etwas – Danke für den wertvollen Beitrag! 🙂

  3. Thomas Matterne | 14.07.2012 09:58

    Ist dieser Trend aber nicht auch ein bisschen back to the roots? Ich kann mich erinnern, dass in grauer Vorzeit eines der Merkmale des Web 2.0 war, nicht mehr in diversen Foren unter diversen Pseudonymen unterwegs zu sein, sondern tatsächlich seinen richtigen Namen zu nennen.

    Ich persönlich sehe das ähnlich zwiespältig. Selber stehe ich auch zu dem, was ich poste, ich kann aber auch (fast) jeden verstehen, der lieber die Anonymität vorzieht. Und im Prinzip habe ich auch nichts gegen ein gutes Pseudonym, die gibt es schließlich nicht erst seit dem Internet. Auch unter meinen Facebookkontakten nicht, allerdings will ich dann zumindest wissen, wer dahinter steckt.

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