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Ist die Politik zu langsam für Social Media?

hoersaalDa haben die Wiener Studis den Politikern ein schönes Ei gelegt: Seit zwei Wochen halten sie  mehrere Räume der Universität besetzt. Sie protestieren gegen überfüllte Hörsäle und die Kommerzialisierung des Bildungssystems. Motto: „Die Uni brennt“.

Die Facebook-Fanseite “Audimax Besetzung in der Uni Wien – die Uni brennt!” hat mittlerweile fast 30’000 Fans. Auf der Pinnwand findet man Einträge, was grad wo passiert. Auch Twitter, Flickr und Youtube werden stark eingesetzt. Auf der Protest-Website sind  5 Live-Streams vom Geschehen im Audimax und in anderen Unis Österreichs zu sehen.

Die Studis haben sich über Social Networks in Windeseile zusammengeschlossen. Das überfordert die dafür verantwortlichen Politiker. Dabei sind die Wucht der Aktion und die direkte Ansprache, gerade der Politik, typisch für soziale Medien im Web.

Dank den Social Networks ist es den Studenten gelungen, einen unglaublichen Erfolg zu erzielen. Sie haben den Politikern bewusst gemacht, dass im Bildungssystem irgendwo der Wurm drin ist. Da es Internet  nicht nur in Österreich gibt, folgen nun auch schon deutsche Studis ihrem Beispiel.

Eine basisdemokratische Bewegung funktioniert nur dann, wenn sie sich rasch und gut vernetzen kann. Facebook und Twitter sind dafür ideal, da sie selbst nach einem demokratischen System funktionieren: Alle haben die gleichen Möglichkeiten, und die Community entscheidet, was gut ist und was nicht.

Diese Protestaktion zeigt mal wieder, was für eine enorme Kraft Social Media entfalten können. Ich bin jetzt schon gespannt, wann bei uns die ersten Hörsäle besetzt werden. Ist die Schweizer Politik gefasst darauf, was da auf sie zukommen könnte?

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18 Kommentare

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  1. Andreas Amsler | 13.11.2009 17:01

    Ob die Revolution am Wochenende zum Ruhen kommt? Dank Social Media könnten wir es vielleicht gar erfahren, bevor es effektiv passiert: http://twitpic.com/pcuzs

  2. Andreas Amsler | 7.11.2009 19:41

    In meiner Antwort will ich unterscheiden zwischen einer organisierten, etablierten Politik und einer unorganisierten, bottom-up-, ad-hoc-Politik.

    Zu ersterer gehören die PolitikerInnen und Interessenvertreter. Gücklicherweise sind die PolitikerInnen in der Schweiz – anders etwa als in Deutschland – in den meisten Fällen keine Berufspolitiker. Aber je weiter sie die politische Karriereleiter emporsteigen (Gemeinderat – Kantonsrat – Nationalrat), desto stärker werden sie zu Interessenvertretern bis hin zu Ein-Themen-PolitikerInnen – denn irgendwer muss sie bei ihrem Aufstieg unterstützen (am zweckmässigsten, weil schlagkräftig sind dabei Parteien, Organisationen, Verbände etc.). Auf und durch ihren Aufstieg gewinnen sie an Prominenz und damit auch an Zugang zu den klassischen Medien. Die Nutzung von Social Media scheint ihnen unter diesem Aspekt zuerst einmal nicht oder nur beschränkt notwendig, denn sie “haben ja Zugang zum Publikum”. Der Weg über die klassischen Medien hat zudem den Vorteil, dass speziell dafür ausgebildete Berufsleute (Journalisten) die Storys schreiben, in die sie die Meinungen/Standpunkte der Politiker/Interessenvertreter – möglichst – sinnstiftend einbauen (der Boulevard-Journalismus ist dabei gesondert zu betrachten).

    Wenn sich ein Politiker/Interessenvertreter nun daran macht, Social Media zu nutzen, so ist das zuerst einmal mit einem Lernprozess verbunden. Es sind zwar viele Tipps und Tricks im Umlauf, aber welche nun die richtigen sind, welche den gewünschten Erfolg bringen – sprich: dem Sender mehr Profil verleihen und ihm letztlich mehr Wähler bzw. Unterstützer/Mitglieder zuführen, ist nicht auf Anhieb ersichtlich. Viele PolitikerInnen und Organisationsvertreter nutzen Social Media heute (noch) nicht anders als einen weiteren Kanal, um ihre Botschaften zu verbreiten: mit der Giesskanne, nicht Zielgruppen-orientiert und – wichtig! – auch nur mit beschränkt nachhaltigem Wert. Denn erstaunlicherweise wird nur selten evaluiert, was Online-Massnahmen in und um Social Media denn effektiv gebracht haben. Das Potenzial von Social Media ist nicht damit ausgeschöpft, dass man ein Video auf Youtube stellt, seinen Blog via Twitter weiterverbreitet oder auf Facebook verlinkt. Das sind interessante Möglichkeiten, die man testen muss. Wirklich interessant ist es aber, sich zu überlegen, wen man mit was wann wie ansprechen soll, um ungleich höhere Effekte zu erreichen – sprich: Themen lancieren zu können, die öffentliche Debatte mit bestimmen zu können etc. Das allerdings ist aufwändig: sowohl zeitlich wie kompetenzmässig. Darin liegt meiner Meinung nach die grösste Hürde, für die organisierte, etablierte Politik, Social Media mehr und vor allem auch erfolgreich zu nutzen.

    Zur unorganisierten, bottom-up-, ad-hoc-Politik siehe den Beitrag auf unserem politnetz-Blog (http://blog.politnetz.ch/2009/11/07/social-media-und-politik-in-der-schweiz-1/), weil das sonst den Rahmen hier sprengen würde;)

  3. Igor | 7.11.2009 09:49

    Es könnte sich herausstellen, dass die Kultur der Vielfalt, die das Internet erschaffen hat, in Wirklichkeit nur eine Kultur der Mittelmässigkeit ist – viele Kilometer breit, aber nur ein paar Zentimeter tief.

  4. Christina Schmid | 6.11.2009 15:27

    @igor klar. aber die macht wird dank den sozialen medien verstärkt. und auch stärker verbreitet. das geht viel schneller und erzielt auch eine grössere wirkung als wenn jemand da alleine mit der fahne rumhüpft…

  5. Igor | 6.11.2009 14:32

    Die Macht liegt doch nicht in den Smartphones, Social Media, ect. sondern bei denen, die es nutzen. Ein Kommunikationsmittel alleine erzielt keine demokratischen Prozesse, es sind die Menschen dahinter.

    Eine Entpolitisierung der Jungend ist meiner Meinung nach auszumachen. Statt für seine Anliegen, Rechte, Freiheiten einzusetzten oder sich in Solidarität zu anderen engagieren, dreht es sich bei vielen nur um Konsum (neuste Apple-Produkte, BMW, etc.) oder wer wann wo wie aussieht.

    Nicht zu verharmlosen ist auch, dass sich auch andere Gruppierungen durch SM schnell zusammenschliessen können, um am gewünschten Ort zuzuschlagen (Nazis, Rechtsextreme, Schlägertruppen, Hooligans, etc.).

    Jede Technologie hat auch eine Kehrseite und bei SM ist sie auch gegeben -> Überwachung, gläserner Mensch, etc.

  6. nurso | 6.11.2009 10:59

    Die Macht des SM ist wahrhaftig erst in den Kinderschuhen.

    Die Politik aus Deutschland ist da am weitesten und hat es verstanden, dass man mit SM in kürzester Zeit sehr viel erreichen kann. Da kann sich die CH-Politik und auch unser Nachbarland Österreich nur eine Scheibe (oder mehrere) davon abschneiden.

    Damit die Armeebrieftaube nicht wieder Ihren Aktivdienst aufnehmen muss, sollen doch mal die Polit-Nostalgiker sich das WEB 2.0 mal richtig und konsequent aufschnallen und das eben auch in einem Marketingplan festhalten oder isch auch mal richtig beraten lassen!

    Gute Beispiele die ich aus Deutschland gefunden habe sind:

    twitter:
    guido westerwelle, angela merkel und co. u.v.m.

    oder

    http://www.peer-steinbrück.de (ich weiß es ist ein Reizthema gewesen)

    Facebook:
    http://www.facebook.com/peersteinbrueck

    (u.v.m)

  7. Christina Schmid | 6.11.2009 10:34

    @yves
    äbä! und dies ist ja genau der punkt den ich anspreche: die grosse macht von social media.

  8. Yves | 6.11.2009 10:26

    Das frische Ideen erfolgreich bei Protestaktionen eingesetzt werden können, ist so neu auch wieder nicht. Wenn ich an die frühen 80er in Zürich zurückdenke, muss ich sagen, dass genau die kreative Art der Proteste die Stadt nachhaltig geprägt haben. Sei dies in der Mentalität der Gesellschaft, Kultur oder Politik.
    Ich wage es gar nicht mir vorzustellen, wie es heute aussehen würde, wenn damals so was wie Social Media existiert hätte. Allerdings ging vieles schon in diese Richtung wie zum Beispiel die Aktionen von Radio 24, Zeitungen im Eigenverlag (Eisbrecher), Piraten-Sender, Aktivisten die sich in Fernsehsendungen produzierten etc.

  9. Christina Schmid | 6.11.2009 09:34

    @bierino
    es bleibt spannend. ich denke es geht nicht mehr lange und dann wird auch hier protestiert… und dann sehen wir ja was passiert. hehe ;-)

  10. Christina Schmid | 6.11.2009 09:32

    @lawrence
    klar kann man auch mit social media viel müll machen. ich finde einfach die macht, die die sozialen netzwerke jetzt schon haben, ist einfach gigantisch. und das ist erst der anfang…

  11. bierino | 6.11.2009 09:21

    im gegenteil!

    ich hoffe immer, dass die leute selber das heft in die hand nehmen! aufpassen müssen wir einzig darauf, dass nicht wenige, die laut schreien, plötzlich überhand nehmen.
    aber das problem haben wir heute schon ohne soziale netzwerke…

  12. Lawrence Nell | 6.11.2009 09:19

    Bei alldem sollte man aber nicht vergessen, daß gute, schnelle und vernetzte Organisation nicht automatisch bedeutet, daß die Demonstranten recht haben. Es wird gerne für allerlei Blödsinn demonstriert. Aber schön, daß die gute Sache sich nun leichter Gehör verschaffen kann.

  13. Christina Schmid | 6.11.2009 09:16

    @bierino
    hast du keine angst, dass die politik irgendwann überrollt wird?

  14. bierino | 6.11.2009 09:13

    ja, klar: die meisten politikerinnen und politiker verkennen die realität der virtuellen welt und die bedeutung der sozialen netzwerke für die politik.
    schlimm ist das aber nicht – denen, die’s gecheckt haben hilft’s, und die andern geraten ein wenig ins hintertreffen; im grundsatz betrachte ich die politischen impacts aus den virtuellen sozialen netzerken als neue facette und stärkung der direkten demokratie.
    was kann man als politiker mehr wollen?

  15. Christina Schmid | 6.11.2009 08:52

    Bei solchen Beispielen hole ich immer wieder diese Geschichte aus der Schublade:

    “Smart Mobs haben im Jahr 2001 in Manila zum Sturz des unter Korruptionsverdacht stehenden Präsidenten Joseph Estrada beigetragen – wo auch immer der unbeliebte Politiker auftauchte, organisierten Smart Mobber blitzschnell Demonstrationen. Knapp eine Stunde nachdem aktuelle Nachrichten über Korruption verbreitet wurden, wurde eine SMS-Nachricht weitergeleitet: (Go 2EDSA, Wear black). Es erschienen Tausende schwarz gekleideter Demonstranten an öffentlichen Plätzen”

    Was wenn der Druck von Social Media auf die Politik immer grösser wird? Irgendwann muss ja reagiert werden, oder?

  16. Thomas Hutter | 6.11.2009 09:08

    Die Politik ist definitiv zu langsam für Social Media, war sie doch für “normale” Onlineanwendungen schon vorher zu langsam.

    Die Gründe dafür liegen aus meiner Sicht bei folgenden Punkten:

    Alter der “durchschnittlichen” Politiker
    Der Durchschnittspolitiker ist 45+, weit weg der jungen Generation die Social Media nutzt. Aufgrund der zeitlichen Belastung können sich “alte” Politiker nur schwerlich ins Thema hineinarbeiten, bzw. lassen sich durch ebenfalls “alte” Berater in diesem Bereich unterstützen.

    Demokratie
    Auf Demokratie basierende Politik hat grundsätzlich eine notwendige Abstimmungs- und Reaktionszeit. In einem totalitären System können entsprechende Gegenmassnahmen (auch wenn diese nicht unbedingt sinnvoll sind) eher getroffen werden – für einmal ein Nachteil der Demokratie.

    Im Fall von “die Uni brennt” wäre es aber für die Politik grundsätzlich schwierig gewesen gut zu reagieren, bzw. wie soll reagiert werden, wenn Protestaktionen gerechtfertigt und wahr sind?

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